|
Shoutbox
|
| Oha - 29.03.10 - 21:47 |
| Und jetzt gibts im Archiv Seitenzahlen. |
| Oha - 25.03.10 - 15:41 |
| Apathie, du mein stiller Begleiter - Ich kann mich nicht rühren. Nichts rührt mich. Nichts verführt mich, irgendwas aufzuspüren oder auszudrücken – bis hin zu meinen Kippen. Ich ruhe und bin einfach still und stumm. Lieg nur rum. Und drum sag ich nun nichts mehr. Denn dieses Gedicht macht sonst nichts mehr her, fällt schwer zu verstehen, wie einer sich nur um das Thema Schweigen drehen kann und dabei fortfährt. Fortfahrend Fortwährend während Worte im Mund sehr ungesund erschweren, sich ihrer Aussprache verwehren und negativ vermehren. Schwebe in nichtsprachlichen Sphären, die umso schöner werden je mehr sie sich verklären. |
| Oha - 08.03.10 - 22:56 |
| Wie unschwer zu erkennen wich die Shoutbox rechts zugunsten von etwas mehr Übersicht und Raum. Auch ansonsten paar Designveränderungen und innere Umstrukturierungen. Die Überschriften der Kategorien oben sind nu anklickbar. |
| brilliant - 08.02.10 - 11:34 |
| deine ausführungen über kant |
| auch von den mudda - 08.02.10 - 00:44 |
| eransicht. Was wesentlich ist, das weiß ich genau, sind jedenfalls nicht die probleme mit frau. Das ließ ich ihn mal alleine austragen, mich gehts nichts an, ihm stellst du die fragen. Kant brachte ins wanken aus gründen der brunft Völlig real die reine vernunft. -ein wendepunkt in der philosophiegeschichte. |
| den goethe seine mudda - 08.02.10 - 00:42 |
| So nimmt es der laie an, gedankenlos. So ein verschwinden durch die wand. Durchaus imposant. Eklatant imposant, dazu brisant. Im grunde allerdings kein garant, der verspanntheit an sich. Hatte sich schlicht verrannt In gedanken und fand Keine lösung, angeblich. …Steht er also verdattert vor bezeichnender mauer, durchläuft ihn krass ein entzückter schauer. es handelt sich bloß um brunftige lust, kann sie nicht befriedigen, zu hause nur frust. woher sie kommt, ich wills nicht wissen, wirkt weder philosophisch, noch religionsbeflissen. so steht kant dort, akut verspannt, hält sich noch immer erstaunlich galant. seine erregung vor dieser großen mauer amüsant für jeden fleischbeschauer. doch dann, was er tut, es ist brilliant, kant läuft, ja schreitet, ganz elegant, erregt, doch hemmungslos durch steinernde wand. Ob die erregung anhält, man weiß es nicht, habe ich von der wand nur die vord |
| Goethes Mudda - 02.02.10 - 17:14 |
| und war dabei verspannt |
| Goethes Erbin - 02.02.10 - 13:46 |
| Interessant dachte Kant und verschwand in der Wand (die er vorher ausgiebig musterte). |
| Oha - 19.01.10 - 12:36 |
| So folgte er einmal wieder dem Ruf des Wahnsinns... |
| Lautstark und hörbar - 13.01.10 - 17:26 |
| Der Penis tanzt |
Besucher:
|
Druckversion
(Mehr Platz für Text!)
Bortid - Montag, 01.03.10 Noch keine Bewertung! - bewerten
Der letzte Brief - 0 Kommentare - Visits: 73 |
Der letzte Brief
Thomas und Edgar waren müde, erschöpft, demotiviert und am Rande der Resignation. Sie waren beide neunzehn Jahre alt und ihre Energie begann zu schwinden. Es war jetzt schon der siebte Tag, an dem sie nach Selcuk suchten.
Sie wissen es noch genau, reden oft darüber, über den letzten Abend, den sie mit ihm verbracht hatten.
„Verdammt, er schien so glücklich, war zwar wieder ganz schön voll, aber das war ohnehin meistens der Fall. Und nie hab ich gedacht, dass irgendwas nicht stimmen könnte. Hat jeden mit seinem großen Traum, den unberührten Steppen Afrikas zugetextet und nie irgendwie gesagt, dass es ihm schlecht geht oder so..“, sagte Edgar mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber. Sie hatten gerade all die Verstecke in den Weinbergen die sie kannten abgeklappert und die Hoffnung auf einen erfolgreichen Ausgang der Suche schwand bei beiden stetig.
Es war ein warmer Tag im Juni, die Sonne brannte ihnen auf die schwarzen Baseballmützen, die sie sich mal im Dreierpack mit Selcuk gekauft hatten.
„Schon, ich versteh das absolut nicht“, antwortete ihm Thomas, „er war immer so lustig, hat uns alle ständig mit irgendwelchen Geschichten auf Trab gehalten. Die waren zwar meistens erfunden, aber wenn man mal `n Problem hatte, konnte man immer zu ihm gehen. Und erst das Essen, das er immer von daheim mitgebracht hat, leck mich am Arsch.“
Edgar steckte sich eine im Verlauf der Konversation gedrehte Zigarette an, sog den Rauch in die Lunge und antwortete unter Exhalation des Rauches:
“Schon.. Der Sucukabend, den wir einmal gemacht haben, das war was. Türkische Knobiwurst vom feinsten. Wie wir da gestunken haben, möcht ich gar nicht wissen. Naja aber jetzt genug gequatscht, lass uns weitersuchen!“
„Hoffentlich finden wir ihn..“
“Das hoff ich auch, hoffentlich ist ihm nichts passiert. Vielleicht sollten wir mal an die eine Klippe gehen, weiste welche ich mein`“
„Die, an der er manchmal auch alleine war um nachzudenken und zu schreiben?“
„Genau die“
Und so machten sie sich auf den Weg. Sie gingen den Weg schweigend nebeneinander her, hatten kaum ein Auge für die Üppigkeit des wuchernden Farns, das strahlende Grün der Blätter, kein Gefühl für den Wind, wie er sachte ihre Haare durchwehte und die Blätter tanzen lies.
Sie konnten den tollenden Eichhörnchen auf den Bäumen nichts abgewinnen und selbst als sie von weitem den Rücken eines Hirschs sahen, waren sie kaum angetan. Sie waren ausgezehrt von der stundenlangen, endlosen und glücklosen Suche, die sie bereits hinter sich hatten und wollten selbige nur noch beenden, endlich ihren Freund wieder finden.
Sie kamen schließlich an der Klippe an.
“Nichts hier, kein Selcuk“, meinte Edgar und fuhr sich durch seinen roten Haarschopf, der wild vom Kopf abstand.
„Stimmt...oder...fuck...schau mal da hinten!“
Im Handumdrehen waren beide bei einer alten Eiche angelangt, die auf Grund ihrer enormen Größe wohl um ein vielfaches älter als die beiden Freunde waren.
„Mensch, das ist doch... seine Mütze.. und seine Schuhe? Warum liegen die hier?“
Thomas starrte auf die Reliquien seines türkischen Kumpels und war der Verzweiflung nahe. Ihm schossen tausende von Gedanken durch den Kopf, von denen keiner positive Tendenzen hatte.
„Schau mal“, sagte dann Edgar plötzlich mit zittriger Stimme und hielt ihm mit ebenso zittrigen Händen einen Umschlag entgegen, „Ein Brief“.
Ohne nachzudenken riss Thomas ihn auf und zog zwanzig zweifelsfrei mit Selcuks Handschrift gefüllte karierte DIN A4 Blätter heraus. Er setzte sich mit seinem Freund unter die Eiche. Sie begannen beide still und für sich zu lesen.
Ich stehe an meinem Lieblingsplatz. Der Himmel ist strahlend blau, ich habe ihn noch nie so gesehen, zumindest nicht bewusst. Mein jetziges Leben liegt hinter mir, ein Scherbenhaufen.
Ich bin vor ein paar Tagen achtzehn Jahre alt geworden und denke, dass mir das Leben bereits zu genüge gezeigt hat, wieviel Pech man eigentlich haben kann.
Gut, ich gebe zu, in der letzten Zeit, hab ich ne Menge neue Leute kennen gelernt, von denen ich mich mit einigen sogar wirklich gut verstanden habe, aber das Wahre ist das auch nicht.
Ich hatte viele Freundinnen, die erste mit dreizehn, die achte bis zur letzten Woche, doch keine hat es je besonders lange mit mir ausgehalten. Ich gab mir immer Mühe, nett zu sein, meine Geliebte nicht zu provozieren oder ihre Gefühle zu verletzen, ich schenkte ihnen Blumen und meine Freizeit, doch es war nie das richtige.
Nach ein paar Wochen, dann immer die gleichen Sprüche „Lass uns Freunde sein“ „Ich fands viel besser wie es vorher war.“ Oder „Ach, weist du Selcuk, ich hab so viel um die Ohren zur Zeit, ich brauch einfach mal ein bisschen Zeit für mich.“
Am Anfang, bei der allerersten, bin ich tatsächlich in Tränen ausgebrochen, ich war noch jung, hatte keine Ahnung von Mädchen und kein Selbstvertrauen, die Pickel und die Barthaare begannen zu spriessen, die Hormone machten mir ständig zu schaffen, ich hatte keinen Bock auf die Schule, ständig dicke Eier und obendrein den Stress mit den Alten. Doch immerhin hatte ich eine Freundin, wie die wenigsten meiner Kumpels.
Das lag daran, dass mich die Mädels immer „süß“ fanden, ich muss wohl eine gesunde Portion Ausstrahlung mit mir herumtragen. Ich war jedenfalls tierisch in dieses Mädchen verschossen, ich vergötterte sie geradezu. Sie hieß Amanda, hatte braune Locken und an die Augenfarbe kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Tja, sie war wahnsinnig goldig, ich wahnsinnig verschossen und nach zehn Tagen todtraurig und zu tiefst enttäuscht. Auf unserem Bänkchen, in der Nähe des Spielplatzes, auf dem wir immer saßen, sagte sie mir mit Tränen in den Augen, wir hätten uns auseinandergelebt, es sei vorbei.
Die Welt brach für mich zusammen, ich bemitleidete mich selbst und entwickelte einen Groll gegen die böse große Welt.
Über Amanda tröstete ich mich dann nach einigen Monaten mit Sarah hinweg, deren Ausrede auch nicht viel besser war: „Ich glaub ich mag dich doch nicht so arg.“ Ich war zwar enttäuscht, doch nicht mehr zutiefst deprimiert, ich war schon nach kürzester Zeit wieder in der Lage, auf Brautfang zu gehen.
Es war mein vierzehnter Geburtstag. Jemand hatte von seinen Eltern eine ein Liter Flasche Vodka geklaut, die imstande war acht heranwachsende Halbstarke in einen komaähnlichen Zustand zu versetzen.
An diesem Abend war auch Marina anwesend, die sich mit mir wohl irgendwie auf einer Welle fühlte (Sie sagte mir das, nachdem sie über eine Bierflasche gestolpert, auf mich draufgefallen und mich in eine Wolke von Vodka-Atem eingehüllt hatte.).
Von diesem Abend an waren wir ein Paar, auch wenn sie mich am nächsten Tag am Telefon daran erinnern musste, doch es wurden schöne eineinnhalb Wochen, bis sie mit meinem besten Kumpel Serhan durchbrannte. Inzwischen hatte ich das Rauchen angefangen.
Nach zwei Tagen Dauernikotinkonsum war ich einigermaßen über die Sache hinweg, hatte jedoch ersteinmal genug von „Weibern“.
In der Post-Marina-Zeit, besuchte ich noch das wohl schlimmste Gymnasium meiner Stadt, das Robert-Mayer-Gymnasium. Heilbronn, diese kleine Stadt mit ihren trostlosen Gebäuden, tristen Wegen und unfreundlichen Einwohnern, war mein zu Hause gewesen, seit ich mit meinen Eltern im Alter von zwei Jahren hier her gekommen war. Hier lernte ich Laufen, Sprechen, Fahrrad fahren, Sozialverhalten, Klauen, mich zu prügeln und von Mädchen versetzt zu werden.
Nachdem mein bester Freund vor zwei Jahren mit seinen Eltern nach Italien ausgewandert war, musste ich mir neue Freunde suchen. Ich lernte Jungs aus der Straße kennen, die stark von ihren älteren Geschwistern eingenommen waren und mit kleineren Vergehen wie Brandstiftung oder Diebstahl auf sich aufmerksam machten. Dadurch, dass ich mit meinen vierzehn Jahren einer der ältesten von ihnen war und sich mein Körperbau als recht muskulös gestaltete, nahm ich bald eine führende Position in unserer derzeit zehn-Kind starken Bande „die goldenen Ritter“, ein. Unschöne Dinge wie Prügeln und Klauen wurde für mich zur Notwendigkeit, um meine Position in der Führungsebene zu legitimieren.
Mit jener gehobenen Stellung, konnte ich schon mal drei Kumpels befehligen, andere zu belästigen und ihr Schulbrot und/oder Taschengeld zu klauen. Heute schäme ich mich dafür, aber auch nur ein bisschen. Es waren meistens sowieso reiche Schnösel, die wir erleichterten.
Mein Interesse für schulische Bildung nahm stetig ab, genauso wie die Zeit, die ich daheim verbrachte.
Ich lernte auf Parties neue Leute kennen und hing schon bald mit Älteren rum, die mir viel eindrucksvoller, schlauer, reifer, cooler aber auch respektloser als die Kids meiner Bande vorkamen.
Von dieser kapselte ich mich bald ab und hatte somit gegen Ende des achten Schuljahres eine neue Gruppe Menschen gefunden, mit denen ich meine Zeit verbrachte. Einer der jüngsten dieser Clique war Thomas. Er war ein Jahr älter als ich und nahm mich jeden zweiten Tag auf eine andere Party mit. Mit ihm entdeckte ich auch den „richtigen“ Konsum von Alkohol und die Erlangung eines angenehmen Rausches. (Falls du das liest, Thomas: Danke für alles!)
Zwei Wochen vor meinem fünfzehnten Geburtstag fand eine solche Party statt. Ich wusste nicht, wie lange ich schon da war, geschweige denn, was ich schon alles intus hatte. Meine Augen waren auf rote Schlitze dezimiert worden, mein Grinsen schien sich bis hinter meine Ohren zu ziehen. Thomas hatte mir den ersten Joint meines Lebens gereicht und ich hatte dankend angenommen. So saß ich also da, leicht betrunken, total stoned und lies mich von der Musik tragen. Ich hatte Musik noch nie so stark wie zu diesem Zeitpunkt empfunden, ich lies mich von der Musik einhüllen, von ihren Wellen tragen, ich war die Musik.
Als ich da so saß, stellte ich mir vor wie es wäre, Gitarre spielen zu können, unabhängig von anderen irgendwo an einem Platz in der Sonne zu sitzen, das Wetter zu geniessen, einfach nur zu sein, allein zu sein, frei zu sein. Obwohl ich noch nie im Ausland gewesen war bekam ich plötzlich den starken Drang, auszuwandern. Ich hatte zwar eine gute Zeit hier, aber das war einfach nicht das Wahre.
Ich wollte raus, weg von diesem Land, von all den Zwängen, Pflichten und unfreundlichen Menschen.
Ich wollte Gitarre spielen, am besten unter Palmen, auf jeden Fall nicht hier, irgendwo anders. Obwohl ich keine Ahnung hatte malte ich mir, berauscht wie ich war, die buntesten Bilder aus, die schönsten Strände die verlassensten Gegenden, die wildesten Tiere und die friedlichste Ruhe aus, die ich mir vorstellen konnte.
Auch wenn ich nach kurzer Zeit aus diesem Traum gerissen wurde, war ich nicht traurig darüber, denn bis ich ihn erfüllen konnte musste ich ja die Zeit überbrücken, und was bot sich da wohl eher an als das zierliche Mädchen, in deren Augen sich die Farben des Ozeans spiegelten und die mich aus besagtem Traum riss.
Sie sagte so etwas wie:
„Hey, wer bist denn du? Hab disch noch nie `ier gesehn? Ast du Lust mit mir etwas zü trinken?“
Ich war zwar zu diesem Zeitpunkt ziemlich weggetreten, aber meine Instinkte schienen mich nicht im Stich zu lassen. Ich weiß nicht was nach dieser Frage passiert ist, aber ich weiß, dass ich am nächsten Tag mit Marlene zusammen war. Ihre Eltern waren aus Frankreich, weshalb sie den süßesten und verführerischten Akzent der Welt zu haben schien. Durch sie verlor ich nach zwei Wochen wildem Petting meine Unschuld und verliebte mich unsterblich. Nach dem zweiten Geschlechtsverkehr gab sie mir allerdings zu verstehen: „Cherie, Es tut mir leid, aber isch werde nischt mehr länger mit dir süsammen bleiben. Isch wollte nur meine Unschuld verlieren, sei mir nischt böse, Adieu.“
Ich war so baff, dass ich dem absolut nichts entgegenbringen konnte und erst, nachdem sie das Zimmer verlassen hatte, mir meinen ganze Wut, meinen Hass aus der Kehle schrie. Nachdem ich den Ganzkörperspiegel mit der Faust zertrümmert hatte, brach ich dann zusammen und lag weinend auf dem Flur. Meine Mutter hatte das wohl mitbekommen, sie klopfte an, doch ich sagte ihr durch die geschlossene Tür, sie solle mich in Ruhe lassen, ich brauche niemanden.
Als mein Vater dann am Abend heimkam und sah, was ich mit dem Spiegel seiner Großmutter angerichtet hatte, schnallte er seinen Gürtel ab und drosch auf mich ein, bis ich der Ohmacht nahe, grün und blau im Gesicht, am Boden lag und kein Wort mehr von mir gab. Als ich jünger gewesen war, habe ich immer mal wieder eine Ohrfeige bekommen, als ich mit zwölf das erste Mal von der Polizei heimgebracht worden war, weil ich die Beamten beleidigt hatte, da hat er auch mal zugelangt, allerdings hatte er mich noch nie so zugerichtet wie an diesem Tag. Es war bis dato wohl der schlimmste Tag in meinem ganzen Leben. Am nächsten morgen holte ich Thomas von zu Hause ab und ging mit ihm zu seinem Dealer Edgar und versackte dort den Rest des Tages vor seiner Wasserpfeife, rauchte für 20 Mark Hasch und vergas meine Sorgen. Wir schauten uns Filme an, lachten, tranken abends ein paar Bier, redeten, bestellten Pizza und wurden Freunde. (Falls du das liest Edgar: Auch dir danke für alles!)
So gestaltete sich dann das nächste halbe Jahr; ich tauchte beim Arzt jede Woche mit einer anderen Krankheit auf (meistens war ich so verkatert, dass ich tatsächlich krank aussah) und ging nur noch sporadisch zur Schule, wenn ich mal dort war schlief ich meistens. Den Tag über saß ich dann bei Edgar, der seine eigene kleine Wohnung hatte und sich diese ausschließlich durch den Verkauf von Hasch und Gras finanzierte. Dadurch empfand ich es als gutes Recht, jeden Tag bei ihm rumzusitzen, ich zahlte schließlich seine Miete. Das ging so lang, bis mein Sparbuch geplündert und mein Hirn ein Sieb war.
Es war irgendwann zu dieser Zeit, ich habe keine Ahnung, wann genau, ich war jedenfalls fünfzehn, da lag ich bei Edgar im Bad auf dem Boden und zitterte. Ich hatte gerade drei Liter Bier ausgekotzt und es ging mir richtig beschissen. Ich schmeckte den bitteren Geschmack meines Erbrochenem auf der Zunge, der faulige Gestank, der mir in die Nase kroch, kam aus meinem tiefsten Inneren.
Ich merkte, dass es so nicht weitergehen konnte und ich mein Leben systematisch zu Grunde richtete. Noch am nächsten Tag klapperte ich sämtliche Läden Heilbronns ab, bis ich schließlich in einem kleinen Schreibwarenladen einen Aushilfsjob bekam. Ich besuchte auch wieder regelmäßig die Schule, obwohl das neunte Schuljahr fast vorbei und meine Noten im Keller waren.
Seit jenem Schlüsselerlebnis ging ich nur noch nach der Schule und dem damit verbundenen Lernaufwand zu Edgar.
Außerdem ging ich täglich joggen und machte ebenso kontinuierlich Sit-ups und Liegestütze.
Dadurch war ich bald so trainiert, dass ich am Ende des Schuljahres, als ich meinen Vater das Zeugnis unterschreiben lies und er seinen Gürtel ausziehen wollte, ihn einfach gegen den Schrank klatschte und ihm derartig mit der Faust zusetzte, dass er mich kein weiteres Mal mehr anrührte. Er hatte noch nach drei Tagen ein zugeschwollenes Auge.
Die Sommerferien kamen, ich wurde sechzehn, die Welt stand mir offen, ich bekam mit meinem frisch gedruckten Personalausweis in der Tasche in jedem Geschäft Bier und Zigaretten.
Oft saß ich mit Edgar und einigen seiner Kunden, meistens Individuen, mit denen man sich außer über die brillante Wirkung des Stoffes kaum unterhalten konnte, im Stadtpark und genoss das herrliche Wetter.
Es war an einem dieser Tage, als Edgar krank und ich somit allein unterwegs war.
Der Kalender war gerade frisch auf Juli umgeblättert worden, die Sonne schien angenehm herab, kühler erfrischender Wind wehte. Nichts konnte meine Laune an diesem Tag verderben.
Es war Nachmittag, ich hatte gerade viereinhalb Stunden gearbeitet und ging schnurstraks zum Tengelmann, holte mir einige Feierabendbiere, setzte mich damit auf eine Bank in jenem kleinen Park und lies meine Gedanken schweifen. Ich zündete mir gerade eine Zigarette an, als eine zauberhaft süße Stimme mich ansprach:
„Hey, darf ich mich vielleicht zu dir setzen? Hast du mir vielleicht auch ne Kippe? Ich bin Tina und du?“ Darauf war ich absolut nicht vorbereitet, doch antwortete ich halb gestammelt „Klar“, gab ihr eine meiner Kippen, dann Feuer, sie rauchte, es trat peinliche Stille ein.
Ich überbrückte diese mit meinem naturgegebenen Instinkt, Mädchen abzufüllen, bot ihr ein Bier an. Sie nahm dankend an und wir kamen ins Gespräch. Wir redeten zuerst über Banalitäten; das Wetter, die politische Stimmung im Land. Wir kamen uns näher, redeten immer mehr, bis wir beschlossen, zu ihr zu gehen. Auf dem Weg dorthin kamen wir noch an einer Tankstelle vorbei, bei der wir Halt machten und uns mit zwei Flaschen Wein eindeckten. Wir kamen zu ihr, hörten Musik, tranken, redeten, rauchten und landeten schließlich zusammen im Bett. Es war eine wunderbare Nacht, auf die die wunderbarsten Ferien meines Lebens folgten, wir trafen uns jeden Tag nachdem ich mit meiner Arbeit fertig war und verbrachten gemeinsam wunderbare Stunden. Wir wuchsen einander immer mehr ans Herz, ich hatte meine erste richtige Beziehung, die gleichzeitig meine längste werden sollte. Die Sommerferien gingen vorüber, die heiße Sommersonne machte dem Herbstwind Platz. Ich fand mich zunehmend selbst, trank und kiffte weniger, entwickelte einen Ehrgeiz für die Schule. Es machte mir schon fast Spaß selbige zu besuchen, was mir schon fast unheimlich vorkam. Ich verbrachte jeden Tag bei meiner Freundin, außer samstags und sonntags, da war ich meistens bei Edgar, bei dem auch immer öfter Thomas rumhing. Wir wurden bald richtig gute Freunde und konnten über alles reden. Das Halbjahreszeugnis war das beste meiner bisherigen Schulkarriere, ich hatte eine eins in Deutsch und Englisch, selbst meine Hassfächer Chemie und Mathe konnte ich mit einer drei überstehen. Die Tage vergingen in Hochgeschwindigkeit, der Winter ging vorbei, der neue Frühling kam. Doch leider breitete der sich nicht nur in Sachen Wetter aus. Ich sah Tina plötzlich nicht mehr so häufig wie sonst, bis ich sie schließlich im Park, in unserem Park, auf unserer Bank mit einem Landsmann erwischte. Das war vorgestern. Ich rastete komplett aus, wollte ihn verdreschen, wollte sie verdreschen, wollte Rache, wollte Blut. Ich rannte auf ihn los, sie stieß ihn von sich, schrie „pass auf!“ und noch ehe ich ihn erwischen konnte, hatte er mich mit einem gezielten, krachenden Faustschlag auf die Nase niedergestreckt, ich lag mit blutüberströmtem Gesicht auf dem Boden, er trat mir noch einige Male in die Rippen. Ich konnte mein Blut schmecken. Es war verdammt bitter. Es war alles nur noch bitter. Ich blieb regungslos liegen, vom niederschmetternden Gefühl der Ohnmacht über meine Situation erschlagen, von Fäusten niedergeschlagen.
Tina muss ihn dann von mir weggezogen haben. Das letzte, was ich von ihr hörte, war:
„Lass gehen, Murat, lassen wir ihn hier liegen und hauen ab, bevor noch die Bullen kommen.“
Wie gesagt, das war vorgestern. Nachdem ich mich von den Schmerzen einigermaßen erholt hatte, ging ich zur Tankstelle und kaufte einen Kasten Bier. Seitdem habe ich nicht mehr gegessen und nicht mehr geschlafen. Der Kasten ist leer, ich bin voll und habe einen Entschluss gefasst. Das hier ist quasi mein Abschiedsbrief. Ich habe alles verloren, zu viele Enttäuschungen erlebt, kein Bock mehr auf das alles.
Ich gehe jetzt die ersten Schritte in ein neues Leben, diese Klippe, an der ich meine letzten Zeilen hinterlege, ist dafür wie geschaffen.
Man sieht sich,
Selcuk
Thomas lies den Brief fallen, er hatte Tränen in den Augen, war sprachlos, sah in Edgars Augen, der ihn ungläubig anstarrte. Keiner sprach ein Wort. Edgar hob den Brief auf, ging noch einmal durch, schüttelte den Kopf, ihm kullerten Tränen über die Wangen, er schluchzte „Warum?“, Thomas konnte es ihm nicht beantworten, da entdeckte er plötzlich, dass sich in dem Umschlag ein weiterer Zettel befand.
Er zog ihn raus, bekam riesige Augen, stöhnte; „Dieses Arschloch, dieses verdammte Arschloch, wusst ichs doch. Mit einem Grinsen im Gesicht las er laut vor:
“Haha ihr Idioten, sorry konnte mir das absolut nicht verkneifen, ich weiß es war echt mies, aber ich war auch echt betrunken. Hab in letzter Zeit ne Menge Geld angehäuft und beschlossen, Deutschland den Rücken zu kehren. Bin auch meine Schritte tatsächlich gegangen, allerdings zum Bus und dann zum Flughafen, nicht in den Tod. Wenn ihr diesen Wisch lest, bin ich wahrscheinlich schon in Thailand, ich mach mir n paar schöne Jahre, vielleicht bleib ich für immer da, mal sehn, je nachdem wie’s klappt. Vielleicht mach ich auch ne Weltreise draus, kommt drauf an wie lang mein Geld reicht. Sagt Edgar und Thomas, dass sie nachkommen sollen, ich meld mich bei ihnen. Sagt meinem Vater, dass er mich mal kann und meiner Mutter, dass sie ne gute Frau ist.
Macht’s gut,
Selcuk“
|
KommentareSeite
[Keine Kommentare vorhanden]
|