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Oha   -   Montag, 18.02.08                               - bewerten
Weekly Nonsense XX (L) - Mensch!
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Es geht der 19. Weekly Nonsense, es kommt Nummer 20. Aus 1 wird 2, aus 9 wird 0, aus XIX verschwindet das I.
Zeit um über Veränderlichkeit nachzudenken. Zeit, zu sehen, wie sich der Mensch stetig weiterentwickelt – wie er sich einem veränderten Umfeld anpassen kann.
Hierzu eine symbolstarke, jubiläumsgemäß lange Geschichte.


Der acht Jahre junge Lennart Laun lümmelte herum. Immer und überall. Er sprang stets auf, wenn das Abendessen eingenommen wurde. Er wälzte sich ungehörig auf Kirchbänken herum. Setzte sich stundenlang auf seine Hausaufgaben und kniff in regelmäßigen Abständen die Arschbacken zusammen, um sie unbrauchbar zu machen. Er besaß nicht die Fähigkeit, zu flüstern. Vielleicht erzählte er das aber auch einfach nur jedem, um sein Verhalten gesellschaftsfähig zu machen. Wie auch immer, sein Ton-Organ war immer zu vernehmen, wenn er in der Nähe war. Lennart brüllte bereits im Mutterleib, dann zwei Jahre am Stück, dann im Kindergarten und schließlich in der Schule. Nur wenn er Nahrung in sich hineinstopfte erhielten die Ohren seiner Mitmenschen eine kurze Erhohlungspause. Lennart nervte jeden. Nicht nur seine Eltern, zwei Neo-Spießer, die sich nichts mehr wünschten, als einen ganz normalen, gottesfürchtigen und stilvollen Sohn, sondern auch Lehrer, Mitschüler, Kirchengemeinden, Spielgefährten, Tagesmütter, Kinderhortbetreuer und Kinderguides bei Museumsbesichtigungen.

Eines nachts brach ein böser Verbrecher – namens Bernd Schmieder - in das Haus der Launs ein. Bernd war ziemlich neu im Geschäft. Genaugenommen war dies sein erstes richtiges kriminelles Vergehen. Sicher, Kaugummis hatte er mal mitgehen lassen – aber das hier sollte schon ein ganz anderes Kaliber werden. In ihm vermischten sich Aufregung, Vorfreude und Angst zu einem ihm bisher unbekannten Erregungszustand des Ganzkörperzitterns aus vollkommen gegensätzlichen Gründen. Er pisste sich also beinahe in die Hose, als er im dunklen Garten hinter seinem Einbruchsobjekt stand und nach einer Einstiegsmöglichkeit Ausschau hielt. Ein Fenster war gekippt! Es aus der Angel zu heben, war sogar für Bernd kein Problem. Lautlos legte er es auf dem Teppichboden des Wohnzimmers ab, schwebte hinein. Kein Mensch konnte ihn gehört haben. Er öffnete die erste Schranktür, die er sah – und hatte wahnsinniges Glück. Es strahlte ihn eine grünliche Geldkassette an. Wahnsinn! Welch ein Coup – er würde sich das Ding greifen und dann einfach abdampfen. Er würde Berufskrimineller werden – mit diesem Erfolg vielleicht sogar ins organisierte Verbrechen einsteigen können. Ein Grinsen breitete sich – im Dunkeln unsichtbar – auf seinem Antlitz aus.

Lennart hatte keine Lust, zu schlafen. Das war soo langweilig. Aber alleine wach sein, machte auch keinen Spaß. Es musste eine Lösung her. Er hob seine Bettdecke hoch und schmiss sie auf seinen neuen Schreibtisch. Dann veranstaltete er eine Kissenschlacht mit sich selbst. Er kreischte laut und hoch. Dann lag sein Schlafzimmer im Chaos und er wollte noch mehr Spaß. Er wollte mit seinen Eltern spielen. Er stapfte durch den Flur zu deren Zimmer, öffnete die Tür einen Spalt weit. Die schliefen, die Blödmänner. Das Mittel dagegen glaubte er zu kennen. Er öffnete den Mund. Ungewohnt musste es klingen, dann würden die beiden Penner aufschrecken, das wusste er von seinen unzähligen bisherigen Lärmaktionen. Er spitzte die Lippen, warf den Kopf in den Nacken. Er war ein Wolf. „Huuuuuuuuuuuuhuuuuuuuuuuuuuuuuuuu. Whaaaahuuuuuuuuuuuuuu!“, heulte er die Nacht an, wie er es schon bei Comic-Hunden und im Fernseher beobachtet hatte. „Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuhuuuuuuuuuu! Wahuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!“

Bernds Grinsen erstarb. Übrig blieb eine Lächel-Leiche, ein versteinerter panischer Gesichtsausdruck. Was war das? Ein Wachhund? Die hatten nicht wirklich einen Hund, oder?! Wie verhielt man sich als professioneller Gauner in einer solchen Situation. Er konnte sich auf keinen Fall mit der Kassette verziehen. Ein Poltern ertönte über seinem Kopf. Die Wahrscheinlichkeit, dass er jetzt geschnappt wurde, war zu hoch. Im Moment war es nur Hausfriedensbruch, was er da begangen hatte. Behutsam schloss er die Schranktür wieder, schlich so leise wie möglich Richtung Fenster. Noch immer begleitet von diesem unheimlichen Heulen, das da aus dem ersten Stock herunterdrang – jetzt bebte sein ganzer Körper vor reiner Angst. Nach dem Verlassen des Zimmers und dem erneuten Betreten des Gartens, setzte er das Fenster wieder notdürftig ein und rannte davon, während das Licht im Elternschlafzimmer anging. Ihm war die scheiß Beute jetzt so scheißegal. Nur weg! War er eben ein Waschlappen! Zumindest war er vernünftig.

Dass Lennart soeben die gesammelten Wertgegenstände der Launs gerettet hatte, wussten weder Bernd, noch die beiden entnervten Eltern noch er selbst. Der Mond schien in das Zimmer. Als der kleine Junge mit seinem Nacht-Unterhaltungsprogramm begonnen hatte, hatte seine Mutter – Birgit Laun - einen spitzen Schrei ausgestoßen und war hochgefahren, saß jetzt wie eine Marionette im Bett und rieb sich verwirrt die Augen. Sie knipste das Leselicht neben dem Bett an. Sie erblickte Lennart, stöhnte resigniert und hob drohend die Hand. Anfangs war nur der übliche Ausdruck der schieren Verzweiflung ob ihres missratenen Kindes im Spiel ihrer Miene zu erkennen. Aber dieses Mal war es zu viel gewesen. Irgendeine unsichtbare Grenze hatte Lennart mit seinem Unsinn heute überschritten. Und so verwandelte sich das gewohnte Leiden auf dem Gesicht seiner Gebärerin innerhalb von Sekundenbruchteilen – mit den Zwischenstationen: Aufmerken, Nachdenken, Stirnrunzeln – in eine wütende Fratze. Ein neuer Mensch befand sich hier vor dem kleinen Jungen, der plötzlich – zum ersten Mal in seinem Leben – begriff, dass er einen kolossalen Fehler begangen hatte. Entschlossen rüttelte Birgit ihren Ehemann Otto wach, der, Ohrstöpseln sei Dank, nichts von Allem mitbekommen hatte. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die Unbarmherzigkeit in ihrem Gesicht blieb. Otto erhob sich schwerfällig, schlurfte zur Tür, wo sein Sohn noch immer unsicher wartete. Er packte Lennart mit einem schnellen Griff an der Nase, zog ihn daran bis in sein Zimmer, bis in sein Bett, knallte die Türe hinter sich zu und schloss ab. Etwas Vergleichbares war im Hause Laun noch nie vorgefallen.
Bernd kam im Schuppen an, seinem Unterschlupf. Er war total verschwitzt, warf sich auf die Matratze, die in der Ecke lag und verfluchte seine Voreiligkeit. Er hätte vor dem Bruch schon etwas mehr planen müssen. Er hätte sich diese ganze Kriminellensache vielleicht noch etwas länger durch den Kopf gehen lassen sollen. Seiner bisherige Existenz war zwar im Eimer – Freundin hatte ihn verlassen, Haus war tatsächlich einen Monat nach dem Auflösen der Hausratsversicherung abgebrannt, sein Job als Schreibmaschinenreperateur war nicht mehr zeitgemäß – aber musste man deswegen gleich in die erste Bude einbrechen, deren Fenster offen stand? Ab jetzt würde er nur noch akribisch geplante Unternehmen durchführen. Nichts würde mehr schiefgehen.

Die neue Zornesfalte im Gesicht von Birgit Laun überlebte die folgenden Monate unbeschadet. Es herrschte plötzlich ein anderer Wind. Irgendein Schalter war in dieser folgenschwerden Nacht unumkehrbar umgelegt worden. Lennart wurde ab jetzt bestraft – für alles, was er falsch machte. Seine Eltern hatten beschlossen, ihn zum Guten zu verändern. Wann immer er jetzt eine Regel brach – und sei es nur, dass er keinen guten Appetit wünschte, wurde sein Vater wütend, packte ihn an einer beliebigen hervorstehenden Stelle seines Körpers und brachte ihn auf sein Zimmer. Dieser kleine Rotzlöffel hatte seine Lektion zu lernen, das war die Übereinkunft der beiden Erzieher. Wenn nicht jetzt, wann dann? Otto und Birgit verbrachten seit neustem viel Zeit damit, sich auszumalen, was aus ihrem Sprössling denn so werden könnte. Sie stellten ihn sich vor, wie er in hohen Kreisen verkehrte, Ettikette beachtete, reich war. Sie sprachen darüber, dass er Fußballer werden könnte, Künstler oder Ingenieur. Wenn sie nur endlich seine Entwicklung in den Griff belämen. Beide waren sie sich einig, dass er zu Ehernem geboren war, dass er an Sportlichkeit, Intelligenz und Feingefühl in seinem Innersten eigentlich kaum zu überbieten sei. Und sie sahen ihre Aufgabe darin, dieses Innere freizulegen, in dem sie seinen äußeren Geist disziplinierten.
Tatsächlich gelangen dem Neu-Verbrecher Bernd in den nächsten beiden Monaten einige Coups. Er überfiel eine Tankstelle und kam dank tarnender heruntergezogener Mütze mit 4000 Euro davon. Er erpresste ein kleines Millionärstöchterchen, deren Katze er entführt hatte. Dafür strich er tatsächlich weitere 5000 Euro ein. Jetzt war er im Geschäft. Er beging großangelegten Versicherungsbetrug, indem er seinen eigenen Tod vortäuschte. Die Prämie seiner Lebensversicherung wurde auf das Konto seiner Ex-Freundin überwiesen. Er stahl ihre Karte (er kannte ihre PIN-Nummer), strich das Geld (250 000 Euro) ein und verschaffte sich eine neue, gefälschte Identität: jetzt war er 'Joe Kraft' – welch ein Name. Er schloss sich einem Verbrechersyndikat an. Das alles innerhalb von acht Wohen. 'Keine schlechte Leistung', dachte er sich immer wieder, 'Du bringst es noch zu was!'.
Lennart blieb die Entwicklung natürlich nicht gänzlich verborgen. Er bemerkte so gut wie sofort, dass er nicht mehr ungeschoren davonkam, wenn er Regeln brach. Es kam ihm ungerecht vor. Wieso wurde er bestraft, obwohl er doch nur tat, was ihm Spaß machte. Er wollte ja niemanden verletzen oder so. Nur was es viel lustiger den Pfarrer schräg zu sehen und viel sinnvoller, sein Essen herunterzuschlingen, weil man so in der selben Zeit wesentlich mehr davon aufnehmen konnte. Er schrie doch nur, weil ihm keiner zuhörte und weil es so genial befreiend war. Und jetzt war das alles verboten – und nicht nur das. Bei jedem seiner Versuche, sich zu Unterhalten, stoppten ihn die gnadenlosen Finger seines Vaters. Er gab das Brüllen auf. Er hätte seine Energien ja draußen, auf der Straße ausgelassen, aber auch dorthin durfte er nur äußerst selten und so kam es, dass sich in ihm einiges anstaute. Zuerst war es nur ein seltsam beklemmendes Gefühl in seiner Brust, das er nicht kannte, das er aber immer stärker und häufiger wahrnahm. Es zog ihm alles zusammen. Dann weitete sich das ganze auf seinen Kopf aus. Er fühlte sich schlicht unfrei. Er hatte zu enge Grenzen. Er fing an, seine Mutter und seinen Vater zu verachten. Nachmittage lang saß das ehemalige Lebensbündel nur an seinem neuen Schreibtisch und beobachtete Blätter, die an ihren Bäumen im Wind hin und her rauschten. Seinen neunten Geburtstag verbrachte er nur zusammen mit seinen Eltern, die ihm auch etwas schenkten. Seine Schulnoten wurden etwas besser. Etwas besser...

So hatte er es sich immer vorgestellt. Verbrecher Bernd bzw. Joe war kaum noch einem Risiko ausgesetzt. Die Drecksarbeit ließ er von Kleinganoven erledigen. Kanonenfutter. Die große Kohle machte er, zusammen mit den beiden Anführern des Syndikats, in dem er mittlerweile aufgestiegen war. Er würde nie erwischt werden. Seine Untergebenen würden niemals einen von ihnen verraten. Er strich durch die Straßen seiner Stadt, spähte Ziele aus, ging spazieren, fühlte sich sicher und glücklich. Dann ging er um eine Ecke und fand sich vor dem Haus wieder, an dem er zum ersten und einzigen Mal in seiner Verbrecherkarriere gescheitert war. Diese Blamage würde er ungeschehen machen. Auf eigene Faust. Tagelang observierte er die Wohnung. Er bestach den Briefträger und konnte von nun an die Post der Launs noch vor ihnen selbst lesen. Diesmal würde es klappen.

Es wurde Herbst – Lennart wurde reifer. Ungewöhnlich reif für sein Alter. Eines Tages hörte er auf, laut zu sprechen. Von nun an würde er nurnoch flüstern, nahm er sich vor. Wer flüstert, sagt nichts, wofür er aufs Zimmer muss. Seine Abneigung gegenüber seinen Eltern wuchs. Und dann noch etwas anderes, was er bisher nicht gekannt hatte. Aus dem Ziehen in seinem Brust und dem Druck auf seinem Kopf wurde: Trotz. Sie konnten ihn nur bestraafen, wenn sie ihn erwischten. Ab jetzt, einzig getrieben durch Hass, tat er nichts und niemandem mehr Gutes. Da er noch immer ständig Stubenarrest hatte und auch kaum noch Lust verspürte, nach draußen zu gehen, wurde das Haus zu seinem Verbündeten, zu seinem ureigenen Terrain. Er versalzte das Kaffeepulver. Er schüttete im Geheimen kiloweise Waschpulver in die Waschmaschine, so dass diese beinahe explodierte vor Schaum. Er gab sich am Telefon als seine Mutter aus und ließ deren Termine platzen. Seine größte Freude wurde es, Habseligkeiten seiner Eltern im Schutze der Nacht irgendwo zu verstecken: Scheckkarten, Kalender, Schuhe, Jacken – alles, was sie irgendwann mal dringend und schnell brauchen würden. Kurz: Aus dem kleinen Rotzlöffel wurde ein echter Kotzbrocken.

Joe Kraft wusste alles über die Launs. Er kannte die Arbeitszeiten von Otto, wusste, wann sich Birgit gemeinnützigen Tätigkeiten widmete. Er kannte ihre Termine und ihre Verabredungen. Er konnte anhand seiner Armbanduhr den kompletten Tagesablauf vor der Haustüre dieser Spießer vorhersagen. Er hatte sich Skizzen des Hauses besorgt, akribisch analysiert, wo und wie man am Besten einsteigen konnte. Er war einfach topinformiert und top durchgeplant. Das Ganze hatte lediglich den einen Schönheitsfehler, der ihm schon beim ersten Versuch das Genick gebrochen hatte. Er wusste nichts von Lennart. Kein Verwandter interessierte sich für den, keiner fragte nach ihm in irgendwelchen Briefen, er hatte seit Wochen sein Zimmer kaum verlassen und wenn, dann nur um zu essen, oder unerkannt Böses zu tun – und das lediglich im Schutz der Dunkelheit, oder wenn beide Eltern weg waren. So war er von Joe unentdeckt geblieben. Der Ein- und Verbrecher hatte indes einen Abend herausgesucht, an dem er Otto und Birgit um ihr Habe erleichtern wollte. Die beiden hatten sich Theaterkarten bestellt – in einem Theater, das etwa 100km von ihrem Haus entfernt war. Joe rechnete mit mindestens Fünf freien Stunden, in denen er alles leerräumen konnte. Um den Hund machte er sich keine Gedanken mehr, der schien tot zu sein, zumindest kauften die Launs keine Tiernahrung und gingen niemals Gassi. Falls er doch noch lebte, würde Joe ihn umhauen.

Lennart freute sich, als seine Eltern das Haus verließen, um sich irgendein Intsehnierung anzuschauen. Er schätzte die Zeit, in der er alles hier auf den Kopf stellen konnte, auf etwa Fünf Stunden. Was danach passieren würde, wusste er noch nicht so genau. Aber dass das heute ein entgültiger Schlag werden würde, hoffte er mit aller Kraft. Es war einfach genug. Er vegetierte nur noch vor dem Fenster, er starb beinahe, weil sein Leben so unglaublich beengend war. Seine Wut hatte sich aufgeladen, wie ein leerer Akku. Er wollte das alles nicht mehr. Entweder sie würden kapieren, was sie da taten, oder er würde sich neue Eltern suchen. Er begann damit, die Wand mit roter Farbe zu bemalen.

Endlich war der Abend da, an dem Joe Kraft seine Rache finden würde. Danach war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er der legendärste Unterweltler der Stadt würde. Die beiden Launs verließen ihr Haus, stiegen in den Benz und dampften ab. Es war bereits dunkel – einer der kürzesten Tage des Jahres. Joe huschte zur Haustür – setzte einen Dietrich an und knackte das Schloss wortgemäß im Handumdrehen. Er glitt ins Innere, zog die Türe wieder zu. Niemand hatte ihn gesehen. Er schaltete seine Helmlampe an, war seinen Mantel lässig über den Kleiderhaken und machte sich, den Grundrissplan in der Hand, auf den Weg ins Wohnzimmer. Auf dem Weg stieß er aus Versehen einige Flaschen um, die auf dem Boden standen. Es klirrte kurz, aber er war sich sicher, dass er noch immer unbemerkt war.

Als Glas auf Glas prallte war das rote Gemälde an der Wohnzimmerwand gerade fertig. Es war eine Wiese, auf der ein Baum und ein Gebäude standen. Das Gebäude hatte Fenster, einen schiefen Schornstein, aus dem schiefer Rauch kam und daneben und darauf hatte Lennart ganz viele Kackhaufen gemalt. Noch ein Schmetterling dazu. Dann betrachtete er das Ganze abschätzend. Hähä, Kacke! Scheiße! Wie ein großer Maler legte den Pinsel beiseite, die Stirn in Falten und seine Finger an sein Kinn. Dann nahm er Schritte im Flur wahr. Jemand war da. Jemand schmiss die Flaschen um, die er noch wegbringen sollte. Glücklicherweise war noch etwas von einem abenteuerlustigen Kind in ihm übriggeblieben und anstatt sofort die Treppe hinaufzurennen, bewaffnete er sich mit dem Brieföffner seines Vaters, der neben ihm auf einer kleinen Kommode lag, öffnete diese ruhig und versteckte sich darin. Durch die Schlitze in den Türen konnte er ins Zimmer blicken, als ein maskierter Mann es betrat. Der Mann trug eine Lampe auf dem Kopf. Er blieb für einen Moment irritiert stehen, als sein Blick auf Lennarts Wandbild fiel.

Was war das denn? Joe traute seinen Augen kaum. Was man den Leuten alles als moderne Kunst verkaufen konnte... Dieses seltsame Kunstwerk hier sah aus, als sei es von einem Zehnjährigen gemalt worden. Wie auch immer. Er war hier, um sich diese verfluchte Geldkassette zu holen. Der Schein der Funzel fiel auf den kleinen Schrank, in dem sie beim letzten Mal gewesen waren. Ehrfürchtig näherte er sich. Endlich – Wiedergutmachung für die alte Schmach.

Der Mann kam auf Lennart zu. Der umklammerte den Griff des Messers. Sein Herz pochte, wie es noch nie gepocht hatte. Das alles war äußerst bedrohlich. In seiner verbliebenen Kindlichkeit konnte sich der Junge alle Möglichkeiten des Fortgangs dieser Szene bildlich ausmalen. Der Typ konnte ihn umbringen, entführen, verschleppen, verkaufen, ... Dann wurde ihm etwas klar.

Joe Kraft riss die Tür der Kommode auf. Von drinnen starrten ihn zwei entschlossene Kinderaugen an und er spürte ein leichtes Stechen in seinem Bauch. Was zur Hölle war passiert?

Er hatte den Kerl tatsächlich in der Mangel. Irre! Er war schon verdammt cool. Er, der kleine Lennart war am Besten, wenn er machen konnte, was er wollte.

'Einbrecher sollten nicht mit Messern bedroht werden.', dachte Joe, 'Sollten sie echt nicht.'

„Keine Bewegung!“, brüllte Lennart, „KEINE BEWEGUNG!“

Was wollte dieses Kind verdammt nochmal von ihm?

„WWWWWWUUUUUUUUUUUUUUHAAAAAAAAAAAAAA!“

Der sollte endlich die Fresse halten, er würde noch die ganze Nachbarschaft aufscheuchen.

„DU BIST EIN EINBRECHER, ODER?“, brüllte Lennart.

„Nein, nein, ich...“, stammelte Joe oder Bernd.

„DOCHDOCH!“, schrie Lennart und griff mit der freien Hand hinter sich.

Joe/Bernd spürte einen harten Schlag auf die Brust, rang nach Luft.

Lennart: „Das willst du, oder? Du kriegst es, wenn du mich mitnimmst.“

Da – in Bernds Rippen – befand sich die Geldkassette, geöffnet, voller Schmuck, Bargeld und Wertpapiere.

„Wenn dus willst, musst du mich mitnehmen.“ Lennart drückte das Messer noch ein wenig tiefer in Bernds Bauch.

„OK!“, Joe hatte keine Wahl, Bernd auch nicht.

Lennart: „Versprochen?“

„Großes Indianerehrenwort!“, stöhnte der Einbrecher.

Lennart schrie. Er gröhlte, jauchzte, jubilierte, brüllte, kreischte, in höchsten Höhen, im kindlichen Alt – er war außer sich. Strampelte ausgelassen, sprang im Zimmer herum. Dann packte er seinen Wahlvater an der Hand und Joe beziehungsweise Bernd und er zogen zusammen von dannen.


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