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Oha   -   Montag, 19.01.09                               - bewerten
Detektiv Darek und der Kampf der Klischees - komplett
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Die unvollendeten Fälle des Detektiv Darek
- Detektiv Darek und der Kampf der Klischees

'Es gibt so viele Frauen auf der Welt. Warum suche ich mir immer die raus, die vollkommen außerhalb meiner Reichweite liegen?', dachte sich Darek, als er dieser sexy Schnitte hinterherstieg. Er war ihr gefolgt, seit sie aus dieser Disko gekommen war, in die er nicht hineindurfte. Sie trug ein weinrotes Kleid – sehr figurbetont und mit tiefem Ausschnitt. Das waren ausreichend Gründe für Darek, sie insgeheim besser kennen zu lernen. Beschattung war ja ohnehin sein Geschäft. Nur war er ihr jetzt seit circa zwanzig Minuten gefolgt, die von zunehmenden Selbstzweifeln und tiefgreifendem Pessimismus geprägt waren. Langsam war es genug. Er wollte sich nichts mehr vormachen. Es würde enden, wie immer, wenn er einem Mädchen hinterherschlich. Es war jedes Mal das Gleiche. Sie stieg in ein Haus oder einen Wagen, Darek wagte nicht, sie anzusprechen – und sie war weg. Darek wusste, dass es auch heute so ausgehen würde. Es gab nur eine Chance, es zu verhindern – und die war: Kapitulation.
Er blieb also stehen und ließ sie von dannen ziehen. Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und begann, nachzudenken. Was sollte das alles hier? Er hatte keinen wirklichen Sinn mehr in seinem Leben. Selbst, wenn er sich einmal überwand, eine anzusprechen, spielte diese zweifelsohne grundsätzlich mindestens 10 Ligen höher als er – meist sprachen diese Scheißweiber nicht ein einziges Wort mit dem Detektiv, schüttelten nur den Kopf, drehten sich um und schoben ihren, den Detektiv betörenden Hintern aus der nächsten Tür. Darek sah an sich herunter. Kein Wunder. Image ist ja heute alles. So heruntergekommen, wie er aussah, so unbekannt, wie er war, konnte er ja einfach keine abschleppen. Es musste sich was ändern.
Plötzlich vernahm Darek schnelle Schritte, aus der Seitenstraße kommend, in welche die Frau verschwunden war. Er wurde neugierig, lief in Richtung des Geräuschs.
Hier stoppt die Erzählzeit. Bevor die Geschichte weitergeht müssen einige klärende Worte über Dareks Kopf an den Leser gebracht werden. Dareks Schädel war schon immer außergewöhnlich gewesen. Seine Mutter hatte bei seiner Geburt fürchterliche Qualen erlitten – der Kopf des kleinen Darek war einfach zu Dick gewesen. Erst mit fünf Jahren war die Nackenmuskulatur des Jungen stark genug geworden, um diesen riesigen, schweren Brocken tragen zu können, der da auf ihr ruhte. Es lag nie an der Größe oder Effizienz des Gehirns, nein, Dareks Schädeldecke ist lediglich wesentlich dicker, als die anderer Menschen. Eine massiver Knochenpanzer schützt sein oberstes Körperteil also. Dies war dann, in Dareks Jugend, auch die Ursache für seine Berufswahl. Er wusste aus dem Fernsehen und von Kinderhörspielen, dass man als Detektiv oft niedergeschlagen wurde und dass dies meist eine negative Wendung für die Gesamthandlung erbrachte. Das würde IHM nie passieren. Seit er ausgewachsen ist, passen die Proportionen seines Körpers zwar wieder recht gut, die massiven Schädelknochen sind allerdings geblieben. Das wurde ihm jetzt erstmals zum Vorteil.
Er ging also um die Ecke, von wo er die Schritte vernommen hatte. Ein Mann kam ihm entgegen, beziehungsweise krachte mit voller Laufgeschwindigkeit in ihn hinein. Der Mann trug einen dunklen Mantel und eine Sonnenbrille, sein Hosenladen stand offen, er sah sehr gestresst aus und besaß in etwa die selbe Größe wie Darek. Letztgenannter Faktor spielte eine entscheidende Rolle bei dem Zusammenprall. Die Köpfe der beiden Männer schlugen mit einem lauten Knall gegeneinander und während Darek, ob seiner enormen Einsteckqualitäten, noch leicht angeheitert „Et boum, c'est le choc!“ murmelte, taumelte der Fremde zu Boden, wo er reglos liegen blieb.
Reglos. Dass sowas heute auch noch passieren musste... Darek hasste sein Leben. Er beugte sich über das arme Opfer seiner eigenen Geschwindigkeit und untersuchte es soweit, dass er später sagen würde können, er habe alles getan. Er befühlte den Schädel des Mannes, Blut sickerte heraus. Scheiße!
Außerdem vernahm der Ermittler ein hohes Kreischen irgendwo aus der Nähe – eine Frau rief um Hilfe. Darek befand sich in einem Dilemma. Einerseits eine Frau, deren Retter er werden könnte, andererseits ein Mann, dessen Mörder er vielleicht sein würde, wenn er jetzt ging. Hm... Schwere Entscheidung. Glücklicherweise musste er sie nicht treffen, denn die bedachte Frau taumelte jetzt vollkommen ohne Hilfe, zitternd, verängstigt, mit zerrissenem Oberteil auf die beiden Männer zu. Perplex blieb sie stehen, als sie der beiden gewahr wurde. Zuerst fiel ihr Blick auf den Bewusstlosen, dann auf den Detektiv. Dankbar seufzend brach sie auf dem Gehweg zusammen. 'Doppeltes Glück, dass der Boden trocken ist.', sinnierte Darek. Dann Sirenen. Blaulicht zuckte durch die Wohngegend. Polizei. Sein ärgster Feind: Konkurrent, alter Widersacher. Die bekamen doch das Geld in den Arsch geschoben... Und was würden sie denken, wenn er hier bei zwei Ohnmächtigen kniete? Zum Abhauen war es wohl zu spät, außerdem hatte er ja eigentlich garnichts getan.
Zwei Streifenwagen fuhren vor. Uniformisten sprangen heraus und begutachteten die Situation.
Einer rief Darek zu: „Haben Sie den Mann niedergeschlagen?“
Der Detektiv schüttelte den Dickkopf.
„Wer dann? Muss ein verdammter Held sein! Den Kerl da suchen wir schon ewig.“, die Polizisten kamen zum Tatort.
Dareks Kopfschütteln verwandelte sich zuerst in ein Schädelkreisen und dann in eifriges Nicken: „Ja, also, eigentlich war ich das. Wollte es bloß nicht an die große Glocke hängen. Ich bin eher bescheiden.“
„Das hier ist wahrscheinlich der berüchtigte „Bienen-und-Blümchen-Vergewaltiger“, der seit Monaten sein Unwesen in Stuttgart treibt. Da haben sie aber was geschafft – mein lieber Mann!“
„Ich weiß, ich weiß...“, antwortete Darek galant.
Dann kam die Lady wieder zu sich. Anfangs noch etwas benommen rappelte sie sich auf, sah sich um. Daraufhin hastete sie auf Darek zu, begann zu schluchzen und warf sich ihm um den Hals – ständig „Danke... danke...“ flüsternd.
Die Sonne ging über Darek auf und unter, schien ihm in den Arsch, brutzelte ihm aufs Hirn. Es war tatsächlich einmal alles perfekt ausgegangen. Beseelt kauerte er da und grinste vor sich hin. Er schob die weinende Frau ein Stück beiseite und kramte seine Lebens-Todo-Liste hervor, auf der er den ersten Punkt: „Heißes Vergewaltigungsopfer retten“, überglücklich abhakte. Er würde... er musste einfach... es war der perfekte Zeitpunkt... um sich triumphierend an den Hoden zu kratzen. Welch eine Nacht!

Die Frau hieß Cornelia Schmidt, der Vergewaltiger Cornelius X. (Namen geändert, Anm. v. Darek). Er hatte sie anscheinend verfolgt und dann in einem dunklen Hinterhof überrascht. Er hatte ihr Top zerfetzt und gerade den Edding angesetzt, um sein Markenzeichen – kleine gezeichnete Blümchen – auf ihrem Körper zu hinterlassen. Der Vergewaltiger, der schon mehrere Male zugeschlagen hatte und dessen Opfer nie überlebten, ging immer nach dem gleichen Schema vor. Nach der Verzierung des Körpers hatte er in den bisherigen Fällen grundsätzlich Nektar auf demselben verteilt und dann – wie er das anstellte, war bisher ungeklärt – einen Bienenschwarm auf sie losgelassen.
Der Ausübung dieses abartigen Fetischs hatte ein Mann vorgebeugt, der die Szene beobachtet und laut: „Hey!“ gebrüllt hatte. Der perverse Verbrecher hatte sich zurecht ertappt gefühlt und war getürmt.

Der Held, der den Bienen-und-Blümchen-Vergewaltiger aufgehalten hatte, war aber ungesehen vom Tatort verschwunden, was Darek die Möglichkeit gab, der Welt seine eigene Version der Vorkomnisse erfolgreich als wahr zu verkaufen: Er habe kaum noch schlafen können, ob des geheimen Schreckens, der dunkel über den Frauen der Stadt gelegen hatte. Er habe die Verhaltensmuster des Täters studiert und anhand versteckter Zeichen in den Blümchenmustern auf den Leichen herausgefunden, wo der Triebtäter als Nächstes zuschlagen würde. Also habe er sich vor dieser Diskothek auf die Lauer gelegt und habe die Frau und ihren Verfolger beschattet, um diesen auf frischer Tat ertappen und ihn ein für alle Mal dingfest machen zu können. In dem Moment, in dem es kritisch geworden sei, habe er laut „Hey!“ gerufen und Cornelius X. in der Verfolgung gestellt.

In den folgenden beiden Tagen genoss Darek so viel öffentliche Aufmerksamkeit, wie er es in seinem ganzen bisherigen Leben zusammengenommen noch nicht erlebt hatte. Zeitungen rissen sich um Interviews mit ihm, er wurde zu einem Star in ganz Deutschland. Er staffierte seine Geschichte nach und nach mit allerlei wilden Details aus. Machte Werbung für sein Detektivunternehmen, kündigte an, er werde die Ursachen für Welthunger und Ungerechtigkeit allgemein, sowie ein Heilmittel für Aids finden. Sein Selbstbewusstsein platzte fast. In seiner Vorstellung manifestierte sich dieses Bild - ein Comic-Cover -, auf dem er als missachteter Superheld, der nun endlich entdeckt wurde, zu sehen war. Er propagierte lautstark, im Fernsehen und in der BILD seine politische Weltsicht, forderte die schnellstmögliche Abschaffung der Unterschicht. Kurz gesagt: Er riss die Fresse verdammt weit auf.
Es waren die schönsten Tage seines Lebens.

Vier kleine leuchtende Augen beobachteten ihn im Verborgenen über Tage hinweg, um ihrerseits Informationen zu sammeln. Die ersten beiden Augen, blau wie #9797FF, gehörten zu einem kleinen goldigen Wesen. Ein zufälliger Betrachter hätte es wohl als Mischung zwischen Schmetterling und Säugling beschrieben. Das Ding war so groß wie ein Erdmännchen. Es besaß zwei geschwungene, spitz zulaufende undurchsichtige rosa Flügel, die mit Mustern aus allerlei romantischem Gedöns (Herzchen, lachende Sonnen, kleine Kätzchen) überzogen waren. Zwischen diesen Fluginstrumenten befand sich ein mit flauschigem Fell überzogener schmaler Körper, der in einem unglaublich süßen, groß -backigen und -augigen Babykopf auslief, welcher wiederum lediglich von ein paar blonden Haaren beflaumt war. Dieses urige, knuffige Wesen protokollierte für einige Tage alle Handlungen von Darek. Als es genug wusste, flog es davon, gen Himmel, über die Wolken. Dort oben sprach es: „Enzele zenzele zizele zäh eichele beichele knäll.“
Das war die Losung in dieser Woche. Sofort zogen sich die Wolken zusammen, sie begannen orange zu glühen und übten offenbar eine starke Anziehungskraft auf das putzige Wesen aus. Es verschwand im strahlenden Dunst und fand sich im wahren Himmel wieder. Das kleine Ding war ein Engel. Genauer: eine Engelin. Ihr Name war Lucy und vor einigen Jahrhunderten hatte sie Gott in einer Buchhalterangelegenheit dermaßen in Rage gebracht, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte, ihm unter die Augen zu treten. Heute war für Lucy endlich der Tag gekommen, an dem sie die Gnade wieder zurückerobern würde. Sie hatte bemerkt, wie dem Herrn eine ärgerliche Nachlässigkeit unterlaufen war, hatte deren Folgen beobachtet und ein detailliertes Konzept zur Rückänderung entworfen. Petrus sah etwas verwirrt drein, ließ Lucy dann aber problemlos passieren. Überglücklich, voll Vorfreude flog sie in den großen Thronsaal. Hier saß Gott auf einer weißen Couch, dem Engelchen den Rücken zugewandt. Hinter ihm ragte eine Wand aus unglaublich vielen Bildschirmen empor, die der Allmächtige ob seiner Allmacht allesamt im Blick hatte. Er observierte hier die Erde – jede Einzelheit, die er sehen wollte, wurde von seinen unsichtbaren Erd-Korrespondenz-Engeln in HD-Qualität mitgefilmt und direktübermittelt. Seine Mega-Multitasking-Fähigkeiten erlaubten es ihm außerdem, in der gleichen Zeit ein Schnitzel zu verzehren. Lucy fühlte sich seit langer Zeit zum ersten Mal wieder wohl an einem Ort, sie war zu Hause. Demütig wisperte sie: „Herr – ich… ich bin wieder da!“.
Selbstverständlich ist Gott humanoid, schließlich hat er den Menschen nach seinem Vorbild erschaffen. Wegen der Evolution sind ihm seine Kinder aber mittlerweile über den Kopf gewachsen. Seine Körpergröße beträgt gerade 1,40m, trotzdem wirkte der Vater unglaublich mächtig und respekteinflößend, als er sich in einer schnellen Bewegung Lucy zuwandte. sein grimmiges Gesicht und die komplett orange Aura um ihn herum und sein langer schwarzer Bart verliehen ihm eine kaum zu fassende Autorität.
Sein Gesicht legte sich in Falten, seine tiefe Stimme dröhnte durch den Himmel: „Lucy – nach Allem, was geschehen ist! Besser, du hast einen guten Grund!“
„Hab ich, hab ich, Herr!“
„Ich weiß doch! Sonst wärst du nicht hier!“
„Herr, es geht um, es geht um… Darek.“

Darek saß im ersten deutschen Hooters-Schnellrestaurant. Er war Ehrengast bei der Eröffnung, hatte mit dem Bürgermeister eine rote Schnur durchschneiden dürfen. So etwas einmal zu tun hatte er sich gewünscht, seit ihm dieser verdammte Arzt bei der Geburt seiner Tochter das Privileg genommen hatte, deren Nabelschnur zu durchtrennen. Jetzt saß er also da, gaffte auf geile Ärsche und Oberweiten und fühlte sich wie ständig in den vergangenen Tagen: Als ob ihm ein zweites Leben geschenkt worden wäre. Es ist der Ignoranz eines Glücks- und Biertrunkenen zu verdanken, dass er sich nicht vor Sorge verzehrte. Denn eigentlich war es ganz offensichtlich, dass hier etwas nicht stimmte. Dies wurde dem Detektiv heute sehr eindringlich vor Augen geführt. Eine Bedienungs-Frau beugte sich, nachdem er seine Mahlzeit verschlungen hatte, zu ihm herunter und hauchte ihm einige Worte ins Ohr: „Hey, Süßer. In zehn Minuten da hinten durch die Tür. Niemand darf was davon wissen. Keine Faxen, Mann. Und – ich bin nur Botin.“

„DAREK?“, polterte Gott, „Das Arschgesicht sollte doch schon lange im Knast sitzen!“
„J-ja eben darum geht es, Herr“, Lucy zitterte am ganzen Leib. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich hierher zu trauen. Gott schien unglaublich wütend. Aber es führte kein Weg daran vorbei: „Er – er ist nicht ins Gefängnis gekommen. Alle feiern ihn!“
Der allmächtige Vater fuhr herum. Blitzartig überflog er die Bildschirme aus der Region Stuttgart, ließ die Korrespondenzengel mit einem kleinen Joystick hin- und herrasen. Im Bruchteil einer halben Sekunde hatte er sich den vollständigen Überblick über die Situation verschafft.
„So, so“, er legte sein Gesicht in Falten und murmelte: „Einmal passt man nicht permanent auf und dann schafft es der Trottel doch tatsächlich, glücklich zu werden... Nicht mit mir, Freundchen!“
Er erhob sich, drückte einen roten Knopf und sprach dann über die zentrale Lautsprecheranlage mit allen Angestellten des Himmels. Besser gesagt: Er brüllte.
„WARUM HAT MIR DAS MIT DAREK KEINER GESAGT?“, donnerte er in ohrenbetäubender Lautstärke, „EIN VERANTWORTLICHER HER, SOFORT!“.
Lucy bibberte. Sie wollte den Herrn keine Sekunde länger mit ihrer Anwesenheit belästigen. Aber eines musste sie noch wissen: „Herr... Darf ich... bitte... hier bleiben?“
Gott kratzte sich am Bart und sagte: „Ja. Du hast deine Schmach beglichen, wie ich es erwartet hatte. Büro 7, 3. Stock. Dein altes Zuhause, ich habe es nie neu besetzen lassen, denn ich wusste, wir würden uns wiedersehen, Lucy.“.
Lucy war sprachlos. Niemals hätte sie mit einer solchen Güte gerechnet. Es stimmte wohl, was die Menschen über den Vater sagten. Er war ein bisschen irrational. Irrational wohlwollend, wohl gemerkt. Sie strahlte, bedankte sich und zog sich zurück in ein Leben mit geregelten Einkommen und der besonderen Gunst Gottes. Ganz im Gegensatz zu Darek.

Nachdem er einige Minuten gewartet hatte, öffnete Darek unauffällig das knallrote Tor, auf das die Bedienung gezeigt hatte – und verschwand dahinter. Er fand sich in einem karg eingerichteten, aber mit Elektronik vollgestopften Büro wieder. In der Mitte des Raums stand ein moderner Schreibtisch, an dem ein altmodischer Mann – mit Anzug, Krawatte, Hut und Sonnenbrille bekleidet – saß und ihn skeptisch musterte.
„Du hast ihn zwar gestellt, aber Absicht war das keineswegs, habe ich recht?“
Scheiße, dachte Darek und sagte: „Kacke!“
Der Mann lächelte höhnisch. „Natürlich habe ich recht! Ich weiß alles über dich. Martin war so freundlich, dich zu observieren.“, er drückte einen Metallknopf, der in seinen Tisch eingelassen war, und eine vorher unsichtbare Tür in der Zimmerwand öffnete sich. Dahinter war es dunkel, bis auf zwei grüne Augen, die Darek unheimlich entgegenleuchteten. Es waren die Augen Nummer drei und vier, die den Detektiv, genau wie die von Lucy unbemerkt beobachtet hatten. Der Mann trat ins Helle, „Ich bin Martin – dich kenne ich schon!“, stellte er sich vor.
„Was geht hier ab?“, fragte Darek.
„Keine Panik!“, wehrte der Typ am Schreibtisch ab, „So wie es aussieht, müssen wir dir nicht wehtun, so lange du machst, was wir sagen.“
„Bitte tun sie mir nicht weh!“
„Ich sagte doch gerade...“
„Puuh, ich dachte schon, jetzt geht’s mit mir zu Ende. Kein Problem, was steht an?“, seufzte Darek, der etwas langsam reagiert hatte.
Martin: „Erstmal zur Erklärung: Du hast meinen Job ruiniert. Ich sollte jetzt an deiner Stelle sein. Ich hätte den Bienen-und-Blümchen-Vergewaltiger stellen sollen. Am liebsten würde ich dir den Hals rumdrehen, aber mein Chef hier würde das gar nicht zu schätzen wissen. Nicht wahr?“, er warf dem Mann im Anzug einen, für Dareks Geschmack viel zu ernsthaft fragenden Blick zu. Der Mann zischte: „Nein!“, dann wandte er sich dem Detektiv zu. „Du wirst deine Popularität nutzen, um uns weiter zu helfen, damit die Dinge ihren wirklichen Lauf nehmen.“
„Was, wenn ich nein sage?“, fragte Darek mit neuem Mut.
„Das wirst du nicht!“, erwiderte der Mann am Schreibtisch völlig gelassen.
„Na dann, OK!“, Darek war froh, dass man ihm die Entscheidung nicht überlassen hatte.

„Hallo?“, meldete sich Petrus Stimme am Ende der Leitung. Gott legte hastig wieder auf.

Petrus muss von der Sache gewusst haben, dem entgeht doch sonst nichts. Aber warum sollte er mich betrügen? Fest steht, dass er Darek genauso hasst, wie ich – schließlich kam der IMV damals auf uns beide zu. Oder hat er seine Meinung geändert? Damals stieg ihm der Zorn wie gewürgte Galle ins Gesicht. 'Niemals! Das könnt ihr nicht machen!“, hatte er geschrien, noch bevor ich das Wort erheben konnte. Was ist bloß aus uns geworden? Früher verbrachten wir Tag und Nacht zusammen am Himmelsufer, ließen unsere Gedanken und Gespräche vom Treiben auf der Erde und der Gestirne mitreißen, die in Ewigkeit um uns herum rasten. Ich kannte all deine Geheimnisse. Wie Bruder und Schwester waren wir. Du scheutest dich nie, mich, den Erfahrenen um Rat zu fragen und für mich warst du der einzige, dem gegenüber ich mir beim Antworten nicht überheblich vorkam. Gemeinsam konnten wir Pferde erschaffen, Gesellschaften umlenken und philosophieren. Was floss Herzblut, als wir die Bibel und die Bibel 2 erdachten. Ich gab dich sogar Jesus als Paten mit auf die Erde. Welch eine Freundschaft, welch Intimität. Was ist bloß verloren gegangen? Was bloß ist nun anders als früher? Warum nur wolltest du den Tordienst übernehmen – brauchst du nur ein wenig Abstand? Ich kann dir das nicht übel nehmen – wenn du für dich selbst sein willst, ist das dein gutes Recht. Nur früher, da hattest du nie den Wunsch danach. Was hat sich geändert, dass du nicht mehr bei mir sein willst? Sehen wir uns, sprichst du kaum mehr als das Nötige, sind wir einander fern, bin ich stets der, der den Kontakt sucht. Das monumentale wir zerbröselt, oder? Und darunter, so sehr ich auch die Augen davor verschließe, kommt ein so viel mickrigeres jeder für sich zum Vorschein, das mein Herz in unvollendete Pein hüllt. ICH – GOTT – fühle mich gefehlt. Warum nur, wie konnte es dazu nur kommen? Was ist bloß verloren gegangen? Es ist wohl richtig, was die Menschen sagen: Mach dich nie abhängig, sonst wirst du verletzt. Fühle nicht, sonst verweichlichst du. Doch so sehr ich mir auch sage, dass ich über all dem stehe, so sehr ich mir dafür zu schade sein will – zum ersten Mal bin ich mir meiner Empfindungen bewusst – Klebt meine Seele an deiner – nur du bist nicht mehr da, wo sich die Naht schließen sollte. Ach! Bittere Tränen sind mein Labsaal, wo es Stolz und das mit dir vereint sein sollte. Wie tragisch ist der, der nur das Niederschmetternde fühlen kann und nicht die Freuden? Wie wir früher zusammen am Rande der Wolken, so sitze ich nun tagein tagaus vor diesen Bildschirmen, lasse mich berieseln und kann doch meiner eigenen Kinder nicht mehr froh werden. So Ratlos, wie Rastlos. So Untätig und Unnötig wie ein Stern am Himmel, nur dass ich das Leuchten verlernt habe. Petrus, ach Petrus, wohin hast du mich geführt? Was ist bloß verloren gegangen? Wo ist dein Hass, wo deine Liebe? Wie konntest du Darek laufen lassen, unserem vereinten Schwur so in den Rücken fallen. Petrus, ach Petrus, muss ich mich von dir abwenden – dich im dunklen göttlichen Schatten modern lassen?

Gott griff wieder nach dem Telefon – dieses Mal jedoch wählte er die Nummer von Lucy, der er in dieser Angelegenheit von allen am meisten vertraute.

Mal sehen, wie es laufen würde. Die Moderatorin lächelte ihn an, etliche Scheinwerfer und die Blickwerfer des Publikums waren auf ihn gerichtet. Nun war es Zeit, seine neue Botschaft zu Tage treten zu lassen. Nichts leichter als das. Schließlich war Darek betrunken und verstand sie dennoch: Seine neuen Auftraggeber, über deren Existenz er natürlich nicht ein Wort verlieren würde, waren die „Gangster gegen Einführung des Überwachungsstaats“ (GgEdÜ e.V. 2008. Man hatte Darek klipp und klar vermittelt, worum es ging. Deutschland wurde zunehmend von den Sicherheitsbehörden infiltriert. Dank neuer Gesetzgebung wurden mehr und mehr Informationswege abgehört, Kameras standen an allen öffentlichen Plätzen, wer etwas zu verbergen hatte, musste auf der Hut sein. So auch die deutschen Gangster. Aus Angst vor Entdeckung hatten sie sich im Vorjahr allesamt in der alten Burgruine „zu Huttenberg“ (kurz „Hut“) im Schwarzwald zusammengefunden und einen Notfallplan erarbeitet. Man hatte Strohhalme gezogen und so einen Ganoven ausgewählt, sich zu opfern. Der sollte, mit der Unterstützung der gesamten kriminellen und terroristischen Welt des Landes, eine schreckliche Verbrechenswelle begehen. Dann würde ein anderer, getarnt als redlicher Bürger, ihn stellen und das so gewonnene öffentliche Interesse dazu nutzen, für Zivilcourage statt Überwachung einzutreten. Das redliche Volk sollte helfen, die florierende Kriminalwirtschaft aufrecht zu erhalten. Alles war gut gegangen, bis Darek den Sündenbock, den Bienchen-und-Blümchen-Vergewaltiger anstelle des Verbrecherkartells zu Fall gebracht hatte. Nun musste er also einspringen.
„Guten Tag Herr Zonski!“, begrüßte ihn die fette Ottel, die seine Sondersendung moderierte.
„Bitte, bitte – Darek – jeder darf mich duzen, sogar du!“, meinte Darek und zwinkerte.
Das Publikum jubelte. Plakate: „Darek for Bundeskanzler“ wurden entrollt. Die Moderatorin lächelte erneut.
„Also Darek. Deutschland wartet auf deine neuste Botschaft. Oder soll ich sagen: Offenbarung?“
Schrill kreischten die Mädchen.
„Jeder darf es nennen, wie er will...“
Tief tönten die Männer.
„... Was zählt, ist nur der Inhalt. Ich bin gegen Überwachungskameras, Telefone abhören und den ganzen anderen Firlefanz, den unsere so genannten Politiker in letzter Zeit beschlossen haben!“
Die Leuten buhten.
„Politiker!“, sagte Darek noch einmal.
Die Leute buhten lauter.

„Weg mit dem Überwachungsstaat!“,rief Darek nun ins Mikro.
„Weg mit dem Überwachungsstaat!“, brüllten alle im Studio im Chor.

„Was sollen die Kontrollen?“, Darek im mehrfachen Rausch.
„Was sollen die Kontrollen?“, das faszinierte Publikum.

„Die Polizei stinkt!“
„Die Polizei stinkt!“

„Echoo!“
„Echoo!“

„Respektiert unsere Privatatmosphäre!“
„Respektiert unsere Privatatmosphäre!“

„Ihr dummen Politiker seid die Terroristen!“
„Ihr dummen Politiker seid die Terroristen!“

„Ich habe einen Vergewaltiger gestellt, welche Kamera hat das je getan?“, auf den war Darek stolz.
„Wir haben einen Vergewaltiger gestellt, welche Kamera hat das je getan?“

Auf diese Weise setzte sich die Sendung eine weitere halbe Stunde fort. Die Einschaltquoten brachen sämtliche Rekorde. Die nachfolgende Werbepause und „Dogcamp – Kampfhunde und Profis“, das im Anschluss lief, brachten dem Sender Millionengewinne. Flugs wurde das Geld in weitere politische Sendungen Dareks gesteckt, der den Appell des GgEdÜ e.V. 2008 nun tagtäglich zur Primetime in die Welt hinaus rufen durfte. Bürgerbewegungen formten sich. Es gab auf einmal Gewalt gegen Überwachungskameras. Sichere private Funknetze. Das Internet wurde wieder abgeschafft.

Der Mann hinter dem Schreibtisch verfolgte mit einem triumphalen Grinsen die Tagesschau. Endlich hatte man seitens der Politik eingelenkt. Restriktion staatlicher Überwachung, keine Internetzensur und Datenvoratsspeicherung. Der Nicht-Maßnahmenkatalog war beeindruckend. Zum Thema sollte es, nachdem es schon beinahe die kompletten Nachrichten ausgemacht hatte, auch noch einen Brennpunkt geben, „direkt nach dem Wetter“. Dann kam die Hiobsbotschaft. Morgen sollte es regnen. NEIN! Das durfte nicht sein. Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte einen Sonntagnachmittagsausflug mit seiner Familie geplant und trotz seiner geheimen Machenschaften hing er doch sehr an solchen Familienereignissen. Seine Tochter war mittlerweile elf Jahre alt, lange würde sie sich mit ihren Eltern nicht mehr blicken lassen wollen. Also galt es die Zeit zu nutzen, die noch blieb. Und nun machten ihm ein paar lächerliche Wolken scheinbar einen Strich durch die Rechnung. Finster sah er zu seinem Lakai Martin hinüber. Der blickte fragend zurück. „Das mit diesem Detektiv ist ja jetzt alles schön und gut...“, brummte er, „das habe ich ja auch selbst in die Hand genommen. Aber kann es nicht einen einzigen Sonntag geben, an dem auch tatsächlich die Sonne scheint? Gott verdammt!“
„Blasphemie...“, tönte da plötzlich Lucys Sopran hinter ihm und noch bevor er herumfahren konnte, hatte diese ihm mit bloßen Händen und Engelsuperkräften ein Loch in die Schädeldecke geschlagen und sein Hirn herausgerissen, „... das duldet der Herr nicht!“. Martin zog seine Pistole. Dann besann er sich eines vermeintlich besseren und trat die Flucht an. Doch bevor er sich versah hatte Lucy ihm bereits das Hirn seines Chefs vor die Füße geworfen. Denn Engel sind einfach schneller als Menschen. Martin rutschte darauf aus und wurde von der Metallspitze eines Regenschirms aufgespießt, den Darek bei einem Besuch unwissend verkehrt herum im Schirmständer platziert hatte. „Feigheit mag er auch nicht!“, Lucy grinste sadistisch.
Sie beugte sich zu Martin hinunter. Mit ihren hauchdünnen Flügeln im Hintergrund, die rot im Licht der untergehenden Sonne leuchteten, erschien sie ihm als der Tod selbst, der nun abwägte, wie er weiter mit ihm vorgehen sollte. „Wo ist Darek?“, zischte Lucy. „Glr Gnrgh...“, bei jedem Laut, den Martin zu äußern wagte drangen Schwalle sprudelnden Blutes aus seiner Brust hervor. „Krass!“, war das einzige Wort, das zu verstehen war, bevor er dahinschied und Darek die Tür aufstieß.

„Ich habs geschafft!“, jubelte der Detektiv, bevor er den toten Mann hinter dem Schreibtisch erblickte, bevor er den aufgespießten Martin bemerkte, bevor Lucy mit einem vor Zorn bebenden Gesicht aus dem Spalt zwischen Tür und Wand auf ihn zuhumpelte. Sie wirkte äußerst mitgenommen, die Babynase blutete, die Schmetterlingsflügel waren zerfetzt. „Es stimmt also, was der Herr sagt... Du bist tatsächlich ein Trottel.“. Darek lächelte sein Starlächeln. Man hatte ihn einmal mehr erkannt. Doch noch bevor seine Mundwinkel wieder hinabgesunken waren, hatte sich Lucy mit Engelspeed aus dem Staub gemacht.
Sofort erwachten Dareks alte Ermittlerinstinkte in ihm. Beschattung und Verfolgung, das war lange Zeit sein Tagesgeschäft gewesen. Nichts leichter als das, zumal sich hier eine noch grellrote Blutspur deutlich vom Boden abhob. Der Detektiv folgte ihr in einem Anflug von Wehmut ob der vergangenen Zeit, in der er nur ein einfacher Mann gewesen war – um herauszufinden, was sich in diesem Raum Grauenhaftes abgespielt hatte. Er würde unsterblich werden, könnte er jetzt noch einen Doppelmörder stellen. Die Spur führte aus dem Fenster, dann durch einige Hinterhöfe und schließlich aus der Stadt hinaus die Landstraße entlang. Da es bereits nach zwanzig Uhr war, hatte Darek schon ordentlich einen Sitzen und konnte den wankenden Schritten der verletzten Engelin mühelos folgen. Aufgrund seines Rausches bemerkte Darek die Leiter, die auf direktem Wege in Richtung Himmel emporstieg, erst, als er, den Kopf auf die Spur am Boden gerichtet, dagegen prallte. Ehrfürchtig blickte er hinauf. Er hatte ja schon immer gewusst, dass er dafür bestimmt war, hoch hinaus zu kommen, aber das wurde nun schon fast zu toll. Doch Darek hatte noch nie einen Fall aufgegeben. Das würde auch jetzt nicht passieren. Zumal nicht, nachdem in den letzten Wochen, ganz anders als zuvor, das Glück ständig an seiner Seite gewesen war. Also setzte er seine Füße auf die Sprossen und kraxelte gen Wolkendecke.

Die Besucher des Hooters, die nichts vom Massaker im Hinterraum mitbekommen hatten, wurden zu dieser Zeit ebenfalls Zeugen eines furchteinflößenden Schauspiels. Eine Gruppe vernarbter Mittzwanziger hatte den Laden betreten. Zuvorderst MC Messerschmitt, dessen beeindruckender Oberkiefer Wirbelsäulen brechen konnte. Zufrieden blickte Messie, wie er von seinen Kollegen genannt wurde, in die entsetzten Faces der Gäste, die seine Anwesenheit aufs rohste spiegelten. Das war die Art und Weise, wie er sich seiner eigenen Existenz und Wichtigkeit auf der Welt versichterte, nur war das Messie nicht bewusst. Vor einigen Tagen hatte seine Freundin mit ihm Schluss gemacht, als hätte er keine Gefühle, deswegen musste er sich nun um so mehr Respekt von Menschen, die ihn noch nicht fürchteten, erhaschen. Er rotzte ein „Gib Beat Mann Alda“ zu seinem Homie Frankster hinüber. Frankster war echt stolz, MC Messerschmitt seinen Freund nennen zu können und blickte dem, was nun folgte voller Vorfreude entgegen. Play.

Deutschland vor UNS solltest du dich wirklich fürchten
wir sind härter als die Typen die Schleyer entführten
bis an die Zähne bewaffnet und völlig skrupellos
schüchtern wir dich so sehr ein, dass du dir ein Double holst
Wir verdienen jeden Tag viel Geld mit Drogendeals
denn Anbau und Handel betreiben wir im großen Stil
Ziehen mordend durch die Stadt ohne Plan und ohne Ziel
Ich bin doch nur ein Geisteskranker der sich gern austoben will
Junge, wir sind stahlhart das Hooters hier ist unser Land
kommst du ihm zu nahe bitch, wäre dass dein Untergang.
Wir tragen - Trenchcoats, Totschläger, Springmesser
Alter los verzieh dich, mach dein Ding besser
in einer anderen Stadt, denn für dich sind wir zu hart
Hat sich deine Mutter mit 'nem Stinktier gepaart?
Wir zieh'n die Hüte ins Gesicht und laden unsere Waffen - sprich
wir schiessen ungehemmt und füttern dich mit Rattengift
planen stets ein Attentat, flowen hier wie Abwasser
1000 Kugeln fliegen auf dich zu bei diesem Massaker
Wir sind Gangster von der Nichtnachdenk- sondern Draufschlag-Sorte
bekannt für Raub, Hehlerei und Auftragsmorde
Wirst angegriffen, bist du auf hoffnungslos verlor'nem Posten
deine Knochen werden brechen und Blut aus deinen Ohren tropfen
denn wir malträtieren dich mit harten und brutalen Schlägen,
du wirst heftig leiden denn wir sind dir einfach überlegen
während du verprügelt wirst und am liebsten fliehen willst
füttern wir dich zusätzlich mit Unterarmdickem Fliegenpilz
Wir versaufen Wein und Wodka und töten deine kleine Tochter
mit der Kalashnikov im Geigenkoffer bringen wir dich zum schweigen, Opfer!


Während Messies Rap hatte sich die Gang langsam durch das Restaurant bewegt, einige Ärsche begrapscht und noch mehr begafft. Nun war das Selbstbewusstsein groß genug, um dem Boss gegenüber zu treten, vor dessen Bürotür sich Messie und Crew nun eingefunden hatten. Ob sie wohl diesmal ausbezahlt würden für die Drecksarbeit, die sie immer und immer wieder zu erledigen hatten? Tatsächlich verhielt es sich nämlich so, dass die Gangsterrapcrew wirklich aus Kriminellen bestand, die für den Deutschen Gangsterverein unliebsame Feinde aus dem Weg schaffte. Eine perfekte Tarnung, niemand würde jemals etwas vermuten.

„Diesmal hast du es zu weit getrieben, Lucy!“, schrie Gott und der Himmel über der Erde verdüsterte sich, „Du solltest Darek finden und den Dingen ihren Lauf wiedergeben, stattdessen führst du ihn auf direktem Wege hierher?! Herrgottssacknochmal!“
„Aber ich...“, Lucy wurde ganz klein.
„Genau da liegt das Problem, Lucy: DU! DU! DU! Immer nur DU! Hättest du auch nur einmal das Große und Ganze im Blick gehabt, wäre es nie zu dieser Scheiße gekommen! Ich hab genug! Sieh dich an. Du bist eine Schande für den Himmel. Ein blutender Engel! Das hab ich seit Marias letzter Menstruation nicht mehr gesehen!“
„Bitte verstoßt mich nicht wieder, Herr... Alles, nur das nicht!“, flehte Lucy.
„Nun gut...“, seufzte Gott, zog ein illegal erworbenes Halbautomatikgewehr aus den Falten seiner Toga und verwandelte Lucy mit einem kurzen Salve in ein totes, heiliges Sieb. Womit gemeint ist, dass er sie erschoss. So, dass sie nicht mehr wieder aufstehen würde. Es hatte sich ausgelucyt. Nichts mehr mit Speichellecken und Arschkriechen. Nichts mehr mit leben, nichts mehr mit schlafen und essen. Nur noch tot sein. Lucy war sozusagen richtig im Arsch. Manche würden sagen „gefickt“. Reif für den Komposthaufen wie verfaultes Obst. Ihre Seele und ihr Körper schieden gleichermaßen dahin. Für immer und ewig. Wen Gott tötet, dem winkt keine Wiederauferstehung.
Abschließend trat Gott die auf dem Boden ausblutende Leiche Lucys so heftig, dass sie über das Himmelsufer hinaus und die Kante hinunterrollte. 'Gefallener Engel', dachte er sich und musste lachen.

Der verschmierte leblose Korpus fiel Darek, der den Himmel nun beinahe erreicht hatte, entgegen. Noch war er geistesgegenwärtig genug, um sich an den Außenrand der göttlichen Leiter zu krallen und Lucy auszuweichen. Zwar rutschte der Leichnam an ihm entlang und hinterließ eine tiefrote Blutspur, aber zu dessen Vorteil riss er den Detektiv nicht mit. Verdutzt starrte dieser der Engelin hinterher, die wie ein zerklatschtes Insekt gen Erde stürzte. Glücklicherweise hatte er vergessen, weshalb er unterwegs war. Deswegen störte es ihn nicht weiter, dass seine eigentliche Zielperson gerade in entgegengesetzte Richtung an ihm vorbeigerauscht war, nein, er wandte seinen Kopf erneut unbeirrt nach oben - wie er es in den letzten Wochen so oft erfolgreich getan hatte – und wollte sich gerade wieder dem Aufstieg widmen, als die Leiter erbebte und er einen Schmerzensschrei von weit unten vernahm. Aber auch das kümmerte ihn nicht weiter, denn schließlich hatte er keine Ahnung, dass ihm MC Messerschmitt und Crew auf den Fersen waren.

„Ey Mann – Hat mir jemand aufn Kopf gerotzt?“, fluchte Messie.
„Nee, Messie, da is son Vieh auf Frankster geflogen.“, kam es von oben.
„Fuuuck Alter!“, stöhnte Frankster, „Was isn das?“, er stieß Lucys Körper von sich, befestigte einen ihrer Fühler an der Leiter, damit die anderen sehen konnten, was da aus den Wolken gekommen war.
„Du raffst ja garnix, du Opfer: Das ist nochn Opfer von dem scheiß Killer!“, rief Urban Turd, der direkt hinter ihm kletterte.
„Und wieso hab ich eure scheiß Rotze aufm Kopf?“, Messie wurde allmählich wütend.
„Chill dich, Messie, das is keine Rotze. Das is nur Blut von dem Opfer.“, Urban Turd sah sich gerne als Vermittler innerhalb der Gang.
„Frankster blutet?“, fragte Messie.
„Nee.. Mann...“, wollte Messie korrigieren
„Hab nur ein Witz gemacht, Mann, reg dich doch nich gleich auf, Urb!“, Messie lachte über seinen großartigen Humor. „Aber jetzt ist genug mit Späßen, Mann. Wir machen diesen Mörder kalt.“
Ohne, dass ihnen langweilig wurde, stiegen sie Darek weiter hinterher – um bittere Rache für ihre Vorgesetzten zu üben.

Unser Detektiv hatte unterdessen den Himmel erreicht. Er staunte nicht schlecht, als er den fluffigen Rand der Wolken überquert hatte. Wer hätte gedacht, dass es hier oben eine eigene Stadt gab. Wer hätte überhaupt geglaubt, dass diese Leiter mehr war, als nur eine von Dareks häufigen Halluzinationen. Doch das hier war ein handfester Gebäudekomplex aus eigenartigen hellblauen Gebäuden. An einer Stelle hatte man dutzende Bürocontainer aufeinander gestapelt, um sich Arbeitsplatz zu verschaffen. Daneben rauchte es schwarz aus etwas, das Darek als Industrieschornstein erkannte. Überall schwirrten hektische fliegende Kreaturen aller vorstellbaren Formen und Farben umher. Transportierten Akten und USB-Sticks (Die Umstellung auf Digital ist im Himmel noch nicht ganz vollzogen), flogen mit Filmausrüstung ausgestattet Richtung Erde. Etwas weiter entfernt gab es ein Wohngebiet mit flacheren Bauten ohne Dächer, denn über den Wolken ist Regenschutz logischerweise obsolet. Straßen, Treppen oder gar Aufzüge suchte Darek vergebens. Alles, was es an Untergrund gab, war eben die weiche weiße Wolkendecke auf der er sich gerade aufhielt – und natürlich die Böden der befestigten Gebäude. Ob das hier wohl die Volksrepublik China war? Beschreibungen entsprach es in etwa.
Und dann musste das Ding da vorne dieses neue moderne Mediengebäude sein, das die Chinesen gebaut hatten. Darek hatte in einer Fernsehsendung neulich etwas darüber mitbekommen. Symbolträchtige Architektur, hieß es, für einen durch und durch alles kontrollierenden diktatorischen Staat. Das traf auf das Gebilde, das nun vor ihm lag, allemal zu. Hunderte Meter empor ragten Bildschirme hinauf, der Bereich war breit wie ein Fußballspiel. Und die Bildschirme zeigten scheinbar willkürliche Ausschnitte des Lebens auf der Erde.
Dass er sich nicht in Asien, sondern im abrahamischen Himmel befand, war Darek nach wie vor nicht klar. Dies waren nicht die Hochhäuser Pekings, sondern die Infrastruktur der Heiligkeit, die das gesamte göttliche Gefolge zu versorgen hatte und mithilfe derer alle Verwaltung und Maßnahmen, die die Erde betrafen, konzipiert und durchgeführt wurden. Die Bildschirmwand, die sich vor dem Detektiv auftat war auch nicht das Chinesische TV-Zentrum, sondern Gotts Allwissenheits-Centre, in dem er das Treiben seiner Zöglinge auf der Erde beobachtete.
Dies verursachte eine eigenartige Gesprächssituation, als Darek sich dem kleinen Mann von hinten näherte, der auf dem Thron saß und ihm an die Schulter tippte.
„Entschuldigen sie: Sind sie der König von China?“, fragte er zögerlich.
Der Herr schüttelte den Kopf: „Nicht zu fassen, deine Dummheit. NEIN ich bin nicht der König von China. Ich bin Gott!“
„Mein heiliger Vater?“, welch ein Schock für Darek. Der Detektiv handelte zwar meist sehr unchristlich, doch im Innern war er von Kindesbeinen an tiefgläubig gewesen.
„Ganz sicher nicht DEIN Vater, dummer Bastard.“, donnerte Allah.
„W-Was?“
„Du bist das hässlichste und verabscheuenswürdigste Stück Leben, das jemals einen verdammten Fuß auf meine Erde gesetzt hat, Darek!“
„Du kennst meinen Namen?“
„Wer kennt nicht den Namen desjenigen, den er am meisten hasst?“
Tränen stiegen Darek in die Augen.
„Aber, aber liebst du denn nicht alle Menschen und – alle Geschöpfe der Erde?“
„Alle außer dir! Dich mag ich gar nicht. Erstaunlich eigentlich, mein Gefühl dir gegenüber ist eine Mischung aus Verachtung und Belächeln – Hass und Hohn. Sowas gibt’s nicht häufig.“, Gott verzog wütend die Augenbrauen, dann grinste er.
Darek verstand das alles nicht: „Wenn du Gott bist und du mich hasst und du allmächtig bist – wieso geht es mir dann so gut?“
„Na gut... die Sache ist jetzt eh gelaufen. Kann ichs dir auch gleich ganz erklären:
Wenn es nach mir ginge, wärst du schon lange tot, Darek. Aber ich bin als Gott nur für die Erde zuständig – und du, Darek, bist nicht wirklich ein Mensch, sondern ein Außerirdischer, ein scheiß Alien.“
Darek schluckte. Deshalb hatten die Mütter seiner Mitschüler immer gesagt, er sei eben „anders“.
Gott fuhr fort: „Vor vierzig Jahren wurdest du mir vom Intergalaktischen Metaphysischen Verband aufs Auge gedrückt, von wegen interstellares Asylrecht und so weiter. Du warst der letzte Verbleibende Bewohner eines weit entfernten Planeten. Ich wollte dich nicht. Ich hatte noch nie einen Alien angenommen. Aber der IMV ließ mir keine Wahl. Hätte ich dich nicht auf die Erde gelassen, hätten sie mich rausgeworfen...“
Unterdessen versuchte Darek, Schleim abzustoßen, oder seine zusätzlichen Augen zu aktivieren, Seinen Kiefer auszuhängen oder ein Ei zu legen. Aber keiner der ihm bekannten Alienfähigkeiten funktionierten bei seinem Körper.
„... Aber weil du eigentlich nicht in meinen Einflussbereich gehörst, darf ich dich nicht einfach umbringen. Das würden die IMV-Kontrolleure bemerken. Drum gebe ich mir seit du hier bist, alle Mühe, dich in die Kacke zu reiten. Wobei ich wirklich sagen muss, dass dein unterentwickeltes Gehirn mir dabei ziemlich hilft. Deinen Geist kann ich nämlich, im Gegensatz zu allem anderen auf diesem Planeten nicht kontrollieren. Naja deswegen biege ich immer schön die Umstände zurecht, so dass du als harmloser polnischer Detektiv von einem Verderben ins nächste schlitterst. Das macht sogar richtig Spaß – ich meine, jemanden in eine Situation zu werfen und dann zu sehen, wie er sich verhält. Aber immer dann, wenn eine deiner Geschichten mal wieder komplett zum Scheitern verurteilt ist und du in der konsequenten Folge der Ereignisse eigentlich sterben müsstest – muss ich – gesetz interstellaren Verordnungen - dein Programm neu starten. Und du wirst wieder als kleiner erfolgloser Detektiv zurück in irgendeine deutsche Großstadt gesetzt, in der dich keiner kennt. Diesmal wollte ich dich in den Knast bringen und dafür sorgen, dass dich alle Menschen dein Leben lang verfluchen würden. Dafür die ganze Vergewaltiger-Sache – eigentlich solltest du statt dem wahren Täter gefasst und verurteilt werden. Aber aufgrund der Inkompetenz“ - er schnaufte „einiger Mitarbeiter hat das nicht ganz funktioniert und du bist jetzt hier. Gottverdammt nochmal!“
In diesem Moment erklommen Messie und Crew das Himmelsufer. Mit gezückten Revolvern und Messern rannten sie auf Darek zu, der in böser Vorahnung auf seine blutverschmierte Kleidung herabblickte.

Fortsetzung folgt nicht.

Gangsterrap von MC G (Marco)





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